Die Suche nach Glück

Der kleine Junge wünscht sich, dass er auch schon erwachsen wäre. Er wünscht sich doch länger als 8 Uhr aufbleiben zu dürfen. Wenn ihm dann erlaubt wird bis 9 Uhr aufzubleiben, klagt er darüber, dass er nicht bis 10 Uhr aufbleiben darf. Wenn er in die Pubertät kommt, wünscht er sich eine Freundin zu finden; sobald er eine hat, möchte er das Elternhaus verlassen, wenn er es verlassen hat, möchte er seine Freundin heiraten und ein Kind haben.

Um das zu erreichen, wäre es gut eine anständig bezahlte Stelle zu finden.

Wenn er diese hat und verheiratet ist und ein Kind hat, möchte er ein zweites Kind haben, um die Familie vollständig zu machen. Wenn er eine grössere Familie hat, braucht er einen grösseren Wagen. Danach ist es längst Zeit ein Haus zu kaufen. Wenn er ein Haus hat wird es bald zu klein. Wenn er in das grössere Haus gezogen ist, erscheint ihm seine Frau zu alt, und er beginnt von einer jüngeren Liebhaberin zu träumen. Wenn er diese hat beginnt er zu erkennen, dass er seine Figur verliert und fängt an in der Frühe eine Stunde zu joggen. Nun bereits in den Vierzigern ist er reif für seine erste Herzattacke und mitten darin bekommt er Depressionen, weil er erkennt, dass sich sein Leben dem Ende zuneigt.

Glücklicherweise, dank dem heutigen ungeheuren Fortschritt von Wissenschaft und Technologie, muss er nicht mehr nur für sich selbst träumen. Er kann die Träume von anderen im Fernsehen ansehen und in Bildern von künstlicher Liebe, Mord und Vergewaltigung schwelgen. - Es sind ja nur Schauspieler die sich so verhalten, nicht wahr? - Er kann seine eigenen unerfüllten Träume vergessen, was ihm die Enttäuschung darüber erspart. Ist das nicht grossartig!?!

Aber dann, gelegentlich einmal, nicht zu oft, tritt jemand in sein Leben und verleitet ihn dazu diese seltsame Idee ins Auge zu fassen, einmal darüber nachzudenken, was er eigentlich denkt.

Und wenn er das tut und wenn er sich selbst so sehr vertraut, sich nicht gleich der nächsten Sekte anzuschliessen, kommt er vielleicht dazu, einen Blick auf das zu werfen, was er wirklich will.

Und er kann erkennen, dass er die Träume anderer geträumt hatte, die diese ihm suggeriert hatten.

Und er kann erkennen, dass er einen Traum träumt, während er einen Traum träumt, als er einen Traum inmitten eines Traumes träumte.

Er mag herumschauen, um herauszufinden, was die anderen träumen, dass sie träumen.

Er findet heraus, dass er nicht der Einzige ist, der nach einem Weg sucht um aufzuwachen. Und er ist neugierig was andere tun, um herauszufinden was Glück "ist".

Denn nun erkennt er, dass er immer so beschäftigt war, dass er niemals Zeit fand darüber nachzudenken, was er wirklich wollte.

Wenn er das tut, wird er das bevorzugte Ziel der Sektenrekrutierer, die sich über die ahnungslosen Seelen hermachen, wie Haie die Blut riechen.

Wenn er nach dieser Erfahrung noch nicht zu abgeschreckt ist, und sich selbst so vertraut, dass er sein Leben nicht wegwirft, indem er seine Seele den verzweifelten Fanatikern von Sektengründern, Gurus und Babbas öffnet, dann mag er sich ganz zuletzt selbst fragen:

"Was mag ich, und was ist es, das mich dazu bringt etwas zu mögen?

Und was mag ich nicht und warum mag ich es nicht?

Und was ist es, dass ich nicht beachte, und warum missachte ich es?

Und, während er das tut, kann er erkennen, dass alles, was er beobachten kann ein Anfang hat, dass es nie so bleibt und zuletzt endet.

Je mehr er schaut, desto mehr erkennt er, dass sein Verstand und seine Emotionen in Millionen Stücke zerstreut sind.

Lassen Sie uns annehmen, dass er davon nicht überwältigt wird und beginnt seine Taten, ein kleines Stück nach dem anderen, zu reinigen, um zu versuchen wieder "ganz" zu werden in einer "un-ganzen" Welt.

Dann mag er sich an einem bestimmten Punkt daran erinnern, dass er der Träumer ist, und dass dies der Traum ist,

Wenn er sich daran erinnert, findet er sich unberührt von der Welt, ganz, in einem Frieden der nicht bedroht werden kann.

Aber dann mag er herumschauen um zu sehen ob er nicht alleine ist, und er findet nur Leute die Träumen nachjagen die nicht ihre eigenen sind, und wenn er ihnen zu erklären sucht was er sieht, muss er glücklich sein, wenn er keine Steine nachgeworfen bekommt.

Wohin immer er schaut, von den Milliarden von Menschen, hat er Mühe die wenigen zu finden die auch auf der Suche nach dem Glück sind, wie er. Wohin er auch sieht findet er nur Leute die hoffen glücklich zu sein, Frieden zu haben - ohne sich zu fragen was dies eigentlich ist.

Nun zu dieser Zeit, wenn er den Versuchungen des Glaubens und der höheren Weisheit der Götter, Engel und Propheten nicht erliegt, bekommt er folgende kühne Gedanken:

Vielleicht bin ich selbst es, der all dies kreiert hat?

Vielleicht habe ich selbst diese Misere kreiert?

Und vielleicht bin nur ich selbst es der mich retten kann?

Und wenn er bis dahin nicht von den Priestern getötet wurde, mag er seine Meinung kundtun und Schwierigkeiten bekommen.

Aber wenn er wirklich klug ist, hält er seinen Mund und geht nach hause.


übersetzt aus

The little purple Notebook. On how to escape from this universe.

Copyleft © 1998 von Maximilian J. Sandor, Ph.D

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