Vom inneren Wachstum des Menschen

lautet der Titel eines Buches von P.D.Ouspensky aus dem ich Auszüge seiner Ideen kommentieren will.

Meine Anmerkungen zwischen je zwei runden Klammern: (( ..... ))

(( Ouspensky macht die Gebundenheit des Menschen durch seinen Verstand und das darin herrschende Lustunlustgesetz deutlich, betont andererseits aber auch die Möglichkeiten diese Gebundenheit zu überwinden und wahre Willensfreiheit zu erreichen.

Es mag zwar anfangs sehr deprimierend wirken, einzusehen wie sehr wir unbewusst, automatisch handeln. Andererseits aber kann gerade das, wenn man es annehmen kann das Heilmittel sein. Wir müssen uns der Polaritäten bewusst werden, einerseits des Positiven andererseits auch des Negativen. Nur das Positive zu betonen und das Negative (Gebundenheit) zu verdrängen und verstärkt diese Polarität. Richtig ist es wohl in die Mitte zu gehen, beide Pole zu sehen, ihnen aber keine grosse Bedeutung zuzumessen, denn das würde das Problem nur verstärken. ))

Erster Vortrag

Die heutige Psychologie ist keine neue Wissenschaft, sondern die älteste Wissenschaft überhaupt. Allerdings hat sie ihrer aufdeckenden Wirkung wegen oft unter anderen Namen existiert.

Alle psychologischen Systeme lassen sich in zwei Kategorien einteilen:
1. Systeme die den Menschen studieren, so wie sie sich einbilden oder annehmen, dass er ist.
2. Systeme die den Menschen studieren - nicht vom Standpunkt dessen, was er zu sein scheint, sondern im Hinblick darauf, was er werden kann. Dies sind auf jeden Fall die älteren Systeme.

Psychologie sollte also das Studium der Gesetze und Tatsachen sein, die sich auf die mögliche Evolution des Menschen beziehen.

Die modernen Vorstellungen über den Ursprung des Menschen und seine vergangene Evolution können wir nicht annehmen. Wir verneinen auch die Idee einer mechanischen, von selbst erfolgenden Fortentwicklung des Menschen etwa durch Vererbung oder Auslese.

Unsere Grundidee ist:
Der Mensch so wie wir ihn kennen ist ein nichtvollendetes Wesen. Die Natur entwickelt ihn bis zu einem gewissen Grad, dann überlässt sie ihn sich selbst, damit er seine Entwicklung durch eigene Bemühungen fortsetzt oder aber lebt und stirbt wie er geboren wurde.

(( Wenn die Funktionsweise des Verstandes nicht erkannt wird, kann sie auch nicht verändert werden und alles bleibt beim alten. )).

Ohne eigene Anstrengung ist Evolution nicht möglich. Sie ist eine Frage der persönlichen Bemühungen und bleibt, was die grosse Masse der Menschheit anbetrifft eine seltene Ausnahme.

Warum nun können sich nicht alle Menschen entwickeln und andere Wesen werden?
Deswegen, weil sie kein Verlangen danach haben.
Um ein gewandeltes Wesen zu werden muss ein Mensch dies mit aller Kraft und sehr lange Zeit hindurch anstreben. Ein vorübergehender oder vager Wunsch, hervorgegangen aus der Unzufriedenheit über äussere Lebensbedingungen wird keinen genügenden Antrieb schaffen.

Die Fortentwicklung des Menschen hängt vom Verständnis dessen ab, was er erlangen kann und was er dafür geben muss.
Wenn er nicht stark genug verlangt und nicht die nötigen Bemühungen macht, wird er sich nie entwickeln. Daher gibt es keine Ungerechtigkeit. Warum sollte ein Mensch etwas bekommen was er nicht begehrt ?

(( Nun beschreibt O. die vollkommen autonome Arbeitsweise des Verstandes, wie sie auch von Tietjens betont wird. ))

Der Mensch kennt sich selbst nicht.
Er ist erfüllt von falschen Ideen über sich selbst. vor allem ist er sich nicht bewusst, dass er eine Maschine ist.
Das bedeutet, er kann keine unabhängigen Bewegungen weder innerlich noch äusserlich machen.

Er wird von äusseren Einflüssen und Anstössen angetrieben.. Alle seine Bewegungen, Handlungen, Worte, Ideen, Gefühle, Stimmungen und Gedanken werden von äusseren Einflüssen verursacht. Von sich aus ist er nur ein Automat mit einer gewissen Ansammlung von Erinnerungen und Erfahrungen und mit einer gewissen Menge Energie in Reserve.

Wir müssen verstehen, dass der Mensch nichts TUN KANN..

(( Wir können nicht Tun, weil der Verstand entsprechend dem Lustunlustgesetz automatisch arbeitet. Wir denken, wir würden handeln, aber Es handelt. ))

Aber der Mensch gibt sich keine Rechenschaft darüber ab und schreibt sich die Fähigkeit des Tuns zu.

Alles was er meint selbst zu tun, geschieht in Wirklichkeit, genauso wie "es regnet", "der Wind weht".

Der Mensch kann weder denken, noch sprechen, noch sich bewegen wie er will. Er ist eine Marionette, die von unsichtbaren Drähten hierhin und dorthin gezogen wird..
Wenn er dies versteht, kann er mehr über sich erfahren. Vielleicht werden sich die Dinge für ihn dann zu wandeln beginnen. Aber wenn er seine äusserste Mechanisiertheit weder hinnehmen noch verstehen kann oder wenn er sie nicht als eine Tatsache annehmen will, kann er einfach nicht mehr erfahren.

Der Mensch ist also eine Maschine, aber eine ganz besondere Maschine.
Denn er kann wissen, dass er eine Maschine ist.
Und wenn er dies erfasst hat, kann er die Mittel finden, um aufzuhören eine Maschine zu sein.

(( Entsprechend die Aussage von Tietjens ))

Der Mensch ist keine Einheit sondern eine Vielheit von vielen Ichs. Er hat kein Ich, das einheitlich, beständig und unwandelbar wäre. In einem Augenblick ist er eine Person in einem anderen eine andere, ein wenig später eine dritte usw.
Die Illusion einer Einheit wird durch den Körper, seinen Namen, seine Gewohnheiten erschaffen.

Alle Gedanken, jedes Gefühl, jede Empfindung, jeder Wunsch, jedes "ich mag" oder "ich mag nicht" ist ein Ich.

(( Man kann sich diese Ichs als verschiedene Programme, oder Assoziationsketten von Engrammen, im Sinne von Tietjens vorstellen, die durch die Umgebung ekphoriert (stimuliert) werden und weitgehend autonom sind. ))

Jedes dieser Ichs repräsentiert im gegebenen Augenblick nur einen kleinen Teil unserer Funktionen, aber jedes von ihnen glaubt, das Ganze zu repräsentieren, dabei handelt sich nur um einen momentanen Wunsch.. Einen Moment/Tag/ Monat später mag er das vollkommen vergessen haben und mit der gleichen Überzeugung entgegengesetzte Meinungen, Gesichtspunkte oder Interessen ausdrücken.

Das Schlimme daran ist, dass er sich dessen garnicht bewusst ist. Er glaubt an das letzte Ich, das gerade gesprochen hat, solange dies gerade andauert.

(( Nun kommt O. zu der Frage wie Evolution der menschlichen Maschine (Verstand) möglich ist.))

Dazu gilt es zuerst die Fähigkeiten zu entwickeln, von denen der Mensch glaubt, dass er sie besitzt, die er aber nicht besitzt
Dies sind die Fähigkeit zu Tun, die Einheit eines bleibendes Ichs, sowie Bewusstsein und Willen.

Man muss aber erkennen, dass man diese Fähigkeiten nicht besitzt, denn sonst würde man nicht danach streben sie zu erwerben. Für etwas was man schon glaubt zu besitzen ist man nicht bereit einen hohen Preis zu bezahlen.

Die wichtigste dieser zu erwerbenden Eigenschaften ist das Bewusstsein

Das Bewusstsein ist eine sehr besondere Art von "innerem Aufmerken", unabhängig vom Denkprozess, vor allem ein Achtgeben auf sich selbst, eine Kenntnis davon wer man ist, wo man ist. Dann ein Aufmerken auf das was man weis und was man nicht weis und so weiter.

Das Bewusstsein ist niemals bleibend. es ist entweder anwesend oder abwesend.

Die höchsten Augenblicke des Bewusstseins schaffen das Gedächtnis. Die anderen Augenblicke werden einfach vergessen.. Das schafft die Illusion eines kontinuierlichen Bewusstseins oder dauernden Aufmerkens.

Das Bewusstsein hat gut sichtbare und bei sich selbst beobachtbare Stufen..

Kriterien für das Bewusstsein:

Wie oft ist man bewusst geworden?
Wessen war man sich bewusst? (Umfang und Intensität).

Das Bewusstsein kann durch Übung beständig und kontrollierbar gemacht werden..

Nehmen sie eine Uhr und schauen sie den grossen Zeiger an, indem sie gleichzeitig versuchen die Wahrnehmung ihrer Selbst zu behalten. und sich zu Beispiel auf folgenden Gedanken konzentrieren: "Ich bin P.O. Ich bin jetzt hier." Versuchen sie ausschliesslich hieran zu denken, folgen sie einfach den Bewegungen des grossen Zeigers, indem sie sich ihre selbst bewusst bleiben, Ihres Namens, ihrer Existenz, ihres Ortes..

(( Was O. hier beschreibt ist ein Zusammenbringen der Polarität von Innenwelt und Aussenwelt. Jedes Vereinen entgegengesetzter Polaritäten lässt die Erscheinung verschwinden. Bei Trom wird die Zeitpolarität aufgehoben, hier die Innen- Aussenwelt Polarität.

Wenn O. sagt, dass man sich auch des gegenwärtigen Ortes bewusst ein soll, so heisst das implizit "in der Gegenwart sein".(Des gegenwärtigen Ortes, nicht des vergangenen Ortes). Nun ist es aber häufig so, dass Menschen mehr in der Vergangenheit leben, als hier und jetzt. So wird, richtig ausgeführt, auch die Polarität Vergangenheit - Gegenwart aufgelöst/entladen.

Polaritäten sind die Grundlage des Verstandes. Auflösen der Polaritäten löst den Verstand, d.h. dessen Begrenzungen auf.
Dies ist also eine unglaublich wirksame Übung.

Sie hat den Vorteil, dass sie nicht nur wie beschrieben mit einer Uhr, sondern praktisch immer und bei jeder Gelegenheit mit beliebigen Gegenständen ausgeübt werden kann, indem man jede Tätigkeit so auszuführen sucht, dass man dabei nicht sich selbst vergisst, also sein Selbst-bewusstsein behält. ))

Wenn sie standhaft sind, können sie dies zwei Minuten lang machen. Das ist die Grenze ihres Bewusstseins. Ein Mensch kann also in seinem gewöhnlichen Zustand mit grosser Anstrengung zwei Minuten lang bewusst bleiben. Die Illusion eines ständigen Bewusstseins wird vom Gedächtnis und Denkprozess geschaffen.

(( Nun beschreibt O. die vier dem Menschen möglichen Bewustsseinszustände, nämlich, Schlaf, Wachzustand, das Bewusstsein seiner selbst und das objektive Bewusstsein. Er erklärt, dass der Mensch normalerweise nur in den ersten beiden Zuständen lebt, wobei sich der sogenannte Wachzustand ( die alltägliche Trance, wie ich sage) nur wenig vom Schlaf unterscheidet. Den dritten Zustand glaubt der Mensch ebenfalls zu besitzen, obwohl er nur in seltenen, kurzen, blitzartigen Momenten sich seiner Selbst bewusst ist. Dies sind Momente starker Gemütszustände, seltene äussere Umstände oder zufälliger Ideenverbindungen über die man keine Kontrolle hat. ))

Es ist dem Menschen aber möglich mit den richtigen Methoden und Bemühungen tatsächlich die Kontrolle des Bewusstseins zu erlangen. Er kann seiner Selbst bewusst werden, mit allem was dies einschliesst und was wir uns jetzt nicht einmal vorstellen können.

Hindernisse dabei sind vor allem unsere Unwissenheit über uns selbst und die trügerische Überzeugung uns selbst zu kennen.

Psychologie ist also das Studium seiner selbst. Und das geht nicht so, wie man z.B. Astronomie studieren kann. Sondern man kann das nur bei sich selbst studieren.

Man muss also die eigene Maschine studieren, ihre Hauptfunktionen, die richtigen Arbeitsbedingungen, die Ursachen einer fehlerhaften Arbeit und eine Menge anderer Dinge, die schwierig zu beschreiben sind.

(( Nun beschreibt O. die 5 Funktionen der menschlichen Maschine nämlich 1. Das Denken, 2. Das Gefühl, 3. Die Instinktive Funktion, 4. Die Bewegungsfunktion, 5. Die Geschlechtsfunktion.

Dann erklärt er, dass es ausserdem noch zwei andere Funktionen gäbe die sich nur auf den höheren Stufen manifestieren und für die die gewöhnliche Sprache keinen Namen hat.

Im weiteren wird nun in der Methode von O. durch Selbtbeobachtung das Arbeiten dieser Funktionen bei sich selbst erkannt.

Darauf will ich aber um zu einem Ende zu kommen,im Rahmen dieses Artikels, nicht weiter eingehen, obwohl es noch sehr viel dazu zu sagen gäbe.....))