Ohne Ziel sein

Kürzlich erreichte mich die folgende Mail eines lieben Menschen die mir grundsätzliche Probleme eines Suchers gut zu beschreiben scheint.

Deswegen möchte ich diese Mail und meine Kommentare dazu hier hineinstellen.

Meine Kommentare in Doppelklammern und in rot. ((...)).

Ich empfehle zuerst die Mail selber, also nur den schwarzen Text im Zusammenhang zu lesen und dann den Text mit Kommentar.


Als ich mich kürzlich wieder in allerhand spirituelle Texte vertiefte, wieder mit der steten Hoffnung, doch diesmal der Erleuchtung oder einer großen Erkenntnis näher zu kommen, kam mir der Einfall, dass die Suche nach Erleuchtung mit all den damit verbundenen Praktiken doch in gewisser Weise auch nur ein Ego-Spiel sein kann.

((Ja ! (Jedenfalls anfangs zum grössten Teil)))

Durch die ganze spirituelle Lektüre wird einem irgendwann klar, dass das Ego einem auf dem Weg steht.

((Ja))

Also sucht man nach Methoden dieses Ego (mit dem man identifiziert ist) zu überwinden, so liest man allerhand Literatur, versucht seine Glaubenssätze aufzuwerten, forscht in der Vergangenheit, diskutiert mit Gleichgesinnten, versucht sich verkrampft im "jetzt" zu halten, sucht nach immer neuen Artikeln und Büchern in der Hoffnung, dass es diesmal "klick" macht. Die Erleuchtung soll kommen und damit auch die verbesserte Lebensqualität, und damit auch übermenschliches Potenzial.

((Ja))

Aber wer ist es denn, dem das so appetitlich erscheint, wer ist es, der die Wahrheit wissen will - zu einem großen Teil doch nur wieder dieses eine Ego!

((Ja, zunächst. Aber ist das Ego ALLES was DU bist? Oder gibt es einenTeil der Du auch bist, denn du aber nicht kennst?))

Das Ego spaltet sich in zwei, ohne das zu merken, es kommt durch die Hintertür wieder rein und versucht seine eigenen Eigenarten zu verhindern, obwohl das nicht gehen kann, denn das was das Ego zum Objekt gemacht hat, - die Erleuchtung, ist nur wieder ein egoistischer Wunsch eben dieses Egos, das immer nach dem bestmöglichen für einen sucht.

((Das Ego muss abtreten, aber erst nachdem es seine Aufgabe erledigt hat. Und die ist Wegbereiter zu sein. Tut es das nicht, so versinkt man wieder in der Alltäglichkeit. Die Aufgabe des Egos ist es zu erkennen, dass es Werkzeug, Mittel von etwas Grösserem ist.

Dies geschieht indem es sich selbst, d.h. seine Unwirklichkeit erkennt. Das Ego ist ein illusionäres Mittel um eine Illusion aufzulösen.

Zwei Fehler kann man machen, das Ego überzubetonen und das Ego zu negieren. Das sind wieder mal die zwei Pole/Extreme die es zu vermeiden gilt.
))

Das ganze gleicht einem Messer, dass seine Schärfe als Problem erkannt hat und versucht sich deshalb selbst zu zerschneiden.

((Ja, Münchhausen, der sich selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen will. Wenn das Ego ALLES wäre was wir sind, wäre das unmöglich. Aber es gibt eben diesen anderen Teil, das was wir wirklich sind und der benützt das Ego zu eben diesem Zweck. Und es ist unsere Entscheidung ob wir das wollen))

Z.B. ist deswegen meine Homepage, die ja durchaus anderen Leuten Wege zeigen soll, die sie zur Erleuchtung führen könnten, deswegen aus meiner Motivation heraus durchaus ein Egoprojekt.

((Ja, aber ein wertvolles.))

Der Verstand hat sich so sehr mit diesen Thema identifiziert und daraus die Identität eins "Suchenden" oder "Erleuchtungsanwärter" etc. gemacht, dass ich dieses Selbstbild in Form dieser Homepage ausgelebt habe.

((OK. Deine HP ist Dein Weg. Gestalte sie weiter aus. Aber verstehe, dass sie Deine Kreation ist (so wie alles andere), aber nicht Du selbst.
Aber und das ist der Unterschied: Sie ist eine von dir gewollte Kreation im Gegensatz zu den meisten unserer Kreationen die wir zwar früher einmal gewollt haben aber jetzt SO nicht mehr wollen.
))

Ich glaube nun also, man muss gar nichts machen.

((Nichts-Tun/Ziellosigkeit bedeutet ebenfalls sich dem Ego auzuliefern. MAN KANN DAS EGO NICHT VERMEIDEN indem man Ziele/Absichten aufgibt , man kann bloss seine Funktionsweise erkennen und es so schachmatt setzen.

Indem man allmählich das Ego als eine Begrenzung und diese Welt als eine Traumrealität erkennt, zeigt sich immer mehr etwas was dahinter steht, etwas was zwar immer da war, was man aber nicht erkannt hat. Und das übernimmt dann die Kontrolle anstatt des Egos, und man erkennt das man das selbst ist.

Und erst dann kann das Ego, sofern noch vorhanden, die Kontrolle aufgeben. Erst dann.
Unreife Früchte schmecken nicht.

Nichts-Tun/Ziellosigkeit führt nur zur Apathie, zum vom Aussen (d.h. der Welt) gelebt werden. DEINE Initiative ist gefragt.
Aber sie muss auf Dein Ziel gerichtet sein. Ohne Ziel ist das Ergebniss zufällig und ist es das was wir wollen?
))

Jede Beschäftigung mit dem Ziel weiser, erleuchtet oder freier werden zu wollen, hemmt gerade die Weisheit, Erleuchtung und Freiheit, da suggeriert wird einen Weg gehen zu müssen, an ein Ziel ankommen zu müssen.

((Ja, wenn man das Ziel HABEN will, ERGREIFEN will. Aber nicht wenn man es liebt.))

Ich vermute das Ziel ist schon da und jeder Glaube es muss etwas getan oder gelassen werden, um es zu erreichen, verzögert es nur das Ziel zu erfahren.

((Ja, das Ziel (unsere Befreiung, Erlösung, Erleuchtung etc. etc.) ist schon da, war schon immer da und wird immer da sein, weil es zeitlos ist. Zeit ist unsere Kreation, im wesentlichen eine Illusion, wie ein Traum. Wir sind das Ziel schon.

Aber -- ist unsere Aufmerksamkeit immer auf dem Ziel? Oder ist sie auf dem weltlichen Haben und Tun Wollen? Und warum wird sie abgelenkt?

Weil wir noch unsere Absicht darauf gerichtet haben. Und dies entweder weil wir das immer noch genau SO wollen oder weil es zwanghaft auf Grund falscher Vorstellungen so ist.
))

Da es schon da ist, wird man es von ganz alleine erfahren, wenn die entsprechende Bewußtseinsreife da ist.

((Ja, aber das kann dauern, solange man noch zwanghaft Zeit für sich erschafft, um nicht in die Zeitlosigkeit eingehen zu müssen.))

Worte von Erleuchteten zu lesen und deren Methoden anzuwenden, kann zwar zur Einsicht führen, wenn der Glaube stark genug ist,

((Man kann nicht glauben WOLLEN. Das geht nicht. Man kann nur versuchen, sich geduldig immer wieder um Einsicht bemühen.

Und Einsicht kommt wenn man Einsicht haben will.

Und Einsicht will man nur dann haben, wenn man seine Aufmerksamkeit auf Einsicht richtet. (Und zwar aus Liebe und nicht zwanghaft.)

Und seine Aufmerksamkeit auf Einsicht richten kann man indem man z.B. Werke von Leuten (Erleuchteten) studiert, die mehr als man selber zu wissen scheinen.
))

aber wenn es nur intellektuell verstanden wird,

((Es muss 1. intellektuell verstanden werden und dann 2. ANGEWANDT werden))

bringt es nichts. Deswegen sind alle Worte nur Wegweiser, die Erkenntnis muss letztendlich die eigene sein.

((Ja.))

Alles ist gut und schon vollendet, da der Mensch aber immerzu nach dem Guten und der Vollendung sucht, übersieht er sie,

((Alles ist gut, aber wir erkennen es nicht. Ja. Suchen darf nicht zur Sucht werden. Auch das wäre zwanghaft.))

da er sich durchs Suchen, Nachdenken, Belesen, immer mehr von ihr entfernt, sie immer mehr zu etwas speziellen, unerreichbaren macht.

((Unerreichbar wird Gutes und Vollendung nur, wenn man Erkenntnise nicht praktisch in sein Leben integriert.

Wahre/praktische Psychologie/Philosophie ist keine objektive Wissenschaft, die man sozusagen von aussen studiert, etwas so wie das Verhalten der Stoffe in der Chemie. Wenn man von Psychologie oder Philosophie nicht zum Erwünschten hin verändert wird, kann es daran liegen, dass man entweder die falsche Psychologie hat oder die richtige nicht anwendet.
))

Er glaubt verbessern zu müssen und erzeugt damit eine verbesserungswürdige und damit disharmonische Welt, da

((Man schafft zuerst eine Polarität, ja. Soll-Zustand gegen Ist-Zustand. Wunsch gegen Wirklichkeit. Aber warum tut man das?

Doch deswegen weil die Wirklichkeit irgendwie unbefriedigend ist. Und wenn man die Wirklichkeit in dieser Welt genau anschaut und nicht den Kopf in den Sand steckt, dann IST sie unbefriedigend.

Und wenn man das erkannt hat stellt man sich eine bessere Welt vor und versucht nun NICHT den Wunsch auf die Wirklichkeit zu reduzieren, sondern die Wirklichkeit dem Wunsch anzupassen.

Und da wir Geistige Wesen sind, die unsere Realität selber gestalten geht das auch. Und auch die optimale Vorstellung einer besseren Welt hängt wieder von der Erkenntnis der Funktionsweise des Verstandes ab.
))

jeder oft anderer Kriterien und Motivation hat, was Wege zur Verbesserung angeht.

((Jeder geht, seiner Individualität gemäss, seinen eigenen Weg. Deswegen kann man fremde Wege nicht 1:1 kopieren. (Der Fehler einer jeden Religion, die Dogmen und Gebote aufstellt) . Aber man kann von fremden Wegen lernen und geeignete Teile in den eigenen Weg integrieren.))

Sobald etwas erreicht werden muss, wird nichts erreicht.

((Wenn man sich zwingt, erreicht man nichts. Stimmt. Deswegen gilt es nicht und niemals mit Energie zu arbeiten, sondern mit Absicht.

Absicht, die nur durch Einsicht kommen kann. Man hat nämlich genausoviel Absicht wie man wirkliche Einsicht in die eigene Lage und den eigenen Zustand hat.

Deswegen fängt auch alles meistens mit mehr Information über die wirklich wichtigen Fakten des Lebens an. Wer bin ich? Was für Überzeugungen habe ich? Woher kommen diese Überzeugungen?

Und wenn man DANN erkannt hat, dann die Einsicht über diesen ungefriedigenden Zustand gewonnen hat, dann kommt auch die Absicht. Dann braucht man sich nicht mehr zwingen, dann kommt es von selbst.
))

Somit ist mein Ansatz den Weg der Weglosigkeit zu gehen, wohl nur ein Glaubenssatz, zumindest aber nimmt er viel Ballast ab, somit werden dann Weisheiten und Methoden nicht mehr als MIttel zum Zweck benutzt.

((Zuerst bringt es Erleichterung, wenn man einen künstlichen Zwang den man sich durch das Wollen wollen auferlegt hat ablegt. Stimmt.

Aber wenn es dann weiterhin bei dem "keine Absicht mehr haben" bleibt wird das Leben entweder langweilig/ banal oder man sucht sich andere weltlichere Ziele. Das Ego lebt so fröhlich weiter, jetzt unbelästigt von Gedanken, die es auflösen könnten und im nächsten Leben, wenn sich wieder eine Chance bietet erkennt man dann erneut, dass es besser wäre den "Weg der Weglosigkeit" zu gehen.

Wieviele Leben haben wir uns wohl alle schon auf diese Weise betrogen? Es sind sicher Tausende.

Du probierst das also aus und siehst wie weit dich das bringt. OK. Aber vergiss danach später dein Ziel nicht. Was wolltest du erreichen?
))

Ich glaube, es darf keine Regeln geben und schon gar keine Vorteile die man mittels spezieller Methoden erreichen kann, dürfen genannt werden,

((Die speziellen Methoden kann man erst beurteilen wenn man sie eine längere Zeit angewandt hat. Duch das Lesen eine Speisekarte wird niemand satt.

Aber das Ego ist natürlich raffiniert, vor allem dann wenn es sich durch solche Methoden bedroht fühlt. Deswegen sagt Ouspensky, dass wir nicht TUN können. Dass das stimmt merkt man erst, wenn man es versucht hat und dann auf Widerstand stösst.
))

da sich da Ego sofort dran klammert und auch das es keine Regeln gibt erscheint dem Ego verlockend in die Anarchie überzusiedeln.

((Wir leben zwischen zwei Extremen: Zuviel Ordnung/Regeln/Gesetze führen zur Erstarrung, zuwenig Ordnung/Verstehen zu Chaos und Anarchie. Extreme müssen ausgeglichen werden. Alleine der mittlere Weg auf des Messers Schneide führt zum Ziel. C.G. Jung spricht von der "coincidentia oppositorum" dem Zusammenfallen der Extreme.

Wenn man ein wertvolles Ziel hat kann sich alles daran orientieren. Dann braucht man keine Regeln. Nicht die Regeln sind dann wichtig, sondern das was damit erreicht werden soll. Und natürlich sollte es UNSER Ziel/Ideal sein und nicht das Ziel von jemand anders.
))

Nicht mal die Liebe darf deswegen als Gebot genannt werden, denn ein Gebot ist immer eine Einschränkung, früher oder später wird man von selbst lieben.

((Man kann nicht lieben WOLLEN. Liebe kommt aus Einsicht in die Lage der Menschen, ihre verzweifelte Gebundenheit und Unbewusstheit. (Jesus am Kreuz: "Verzeih ihnen, denn sie wissern nicht was sie tun". Und mit so einer Einstellung verzeiht man auch sich selbst.)

Um diese Einsicht zu gewinnen bedarf es einer Umgestaltung des Egos. D.h. Selbstbeobachtung, Studium der eigenen Überzeugungen und Anwendung des Erkannten.))

Vielleicht verhindert all das Reden, was die Worte, regeln, Methoden und Schriften auszudrücken versuchen.

((Ja. Man muss handeln.))

Die Hingabe an den Zufall erscheint mir dennoch wichtig, aber auch hier wäre eine Regel auszusprechen wieder etwas, was die Leute in Mechanismen führen könnte. So leicht werden dann Hinweise zur Gebrauchsanweisung, die man auf sich anwendet.

((Wenn man gute Regeln/Verfahren doch nur wirklich anwenden würde!!
Wie will man denn ohne Praxis erkennen, wieviel sie bringen. Aber dieser Anwendung steht das Ego eben entgegen. Umsonst gibt es nichts Erwünschtes.
))

Liebe Grüße NN


Soweit also diese Mail und meine Stellungnahme dazu. Und vergiss nicht, dies ist meine Meinung. Du musst nicht zustimmen. Du kannst es anders sehen. Aber geh nicht achtlos daran vorbei.